Künstliche Befruchtung ist für viele ungewollt kinderlose Paare die letzte Hoffnung

Von Daniel Rohrig

Welche Methoden der Reproduktionsmedizin gibt es, welche Gefahren drohen und – nicht zuletzt – welche Kosten können für Eltern entstehen?

. Kinder – das ist nach wie vor der Wunsch vieler Paare. Für viele ungewollt Kinderlose gibt es nur noch eine einzige Hoffnung: künstliche Befruchtung. 139 spezialisierte Einrichtungen existieren derzeit in Deutschland. In vielen Fällen (etwa 70 Prozent) ist diese Behandlung erfolgreich – aber es gibt auch Risiken. Eine gute Vorab-Beratung ist deshalb unbedingt notwendig.

Schätzungen gehen mittlerweile davon aus, dass allein in Deutschland etwa zwei Millionen Paare Fruchtbarkeitsprobleme haben. «10 bis 15 Prozent aller Paare in Deutschland sind ungewollt kinderlos», sagt Dr. Thomas Hahn, Reproduktionsmediziner im renommierten «Kinderwunschzentrum» Wiesbaden. Hauptgründe: Das Kinderkriegen wird zu lange aufgeschoben, die Eizellreifung ist gestört, die Eileiter sind geschlossen, oder es gibt Probleme mit der Gebärmutter. «Vielen Frauen ist die Begrenztheit ihrer Fruchtbarkeit überhaupt nicht bewusst», erklärt der Facharzt. Ab 40 Jahren sinke die Chance auf Kinder erheblich.

Aber auch die Qualität der Spermien beim Mann sinkt durch Umweltverschmutzung und veränderte Lebensgewohnheiten. Ursache kann aber auch eine Mumpserkrankung in der Pubertät oder eine Infektion der Samenwege sein. Bei über 90 Prozent der betroffenen Paare jedenfalls sind körperliche Ursachen der Grund für die Unfruchtbarkeit. Das hat die Firma Merck Pharma jüngst in einer Studie ermittelt. In den restlichen Fällen vermuten Mediziner und Psychologen Stress als Hauptursache.

Der Gang zum Facharzt beginnt zunächst mit einem ausführlichen Gespräch: Wie lange dauert der Zyklus, gab es bereits Schwangerschaften? Wie sind sie verlaufen? «Einen Schwerpunkt bildet auch die Risiko-Aufklärung», so Hahn. Wenn der Wunsch nach Kindern dann tatsächlich weiter besteht, folgt die Behandlung: Die Ärzte prüfen per Ultraschall und Hormonbestimmungen, ob und wann der Eisprung stattfindet. Beim Mann werden die Spermien auf ihre Menge, ihre Beweglichkeit und die Form hin untersucht. Nun wird versucht, die gestörte Eierstockfunktion mit einer Hormonbehandlung zu normalisierenHat das keinen Erfolg, können eine Reagenzglasbefruchtung (In-vitro-Fertilisation) oder eine intracytoplasmatische Spermieninjektion eine Alternative sein.

Immer wieder flammt auch Kritik an der künstlichen Befruchtung auf. Hauptargument: Das Risiko von Fehlgeburten und Krankheiten des geborenen Kindes sei erhöht. Auch die Möglichkeit, dass bei der In-vitro-Fertisilation in 20 bis 25 Prozent der Fälle Zwillinge, oder bei drei Prozent gar Drillinge geboren werden, steige. Argumente, die Hahn auch gar nicht bagatellisieren möchte: «Ja, das ist ein Problem. Es scheint einen Faktor in der Sterilisation zu geben, der die Ergebnisqualität negativ beeinflusst». Schließlich seien Zwillinge oder Drillinge sehr viel häufiger krank. Einer dänischen Studie der Universität Aarhus zufolge sind die Fehlgeburten in erster Line auf die Methode bei der Manipulation während der künstlichen Befruchtung an sich zurückzuführen. Die Ergebnisse reichen Hahn allerdings nicht. «Das ist noch keine valide Basis.»

Mehr Fehlgeburten

Darüber hinaus kann die Hormonbehandlung der Frau zu Ansammlung von Flüssigkeit im Bauchraum führen – auch können sich Zysten bilden. Bei der In-vitro-Fertilisation ist das Risiko einer Fehlgeburt auf bis zu 15 Prozent erhöht – der Durchschnitt liegt insgesamt bei etwa acht Prozent. Auch das Risiko angeborener Fehlbildungen, wie Herzfehler und Nierenfehlbildung, ist geringfügig erhöht.

Beim Thema Übernahme der Kosten einer künstlichen Befruchtung durch die gesetzliche Krankenversicherung wird der Reproduktionsmediziner deutlich: «Ich schäme mich, in einem Land zu leben, das so reich ist, aber insbesondere junge Menschen mit einem Kinderwunsch finanziell so hängen lässt.» Seit 2004 übernehmen die Krankenkassen nur noch die Hälfte der Kinderwunschbehandlung. Und das auch nur mit Einschränkungen: So müssen die möglichen Eltern verheiratet sein, die Frau muss mindestens 25, darf aber höchstens 40 Jahre alt sein. Nach der Gesetzesnovelle registrierten Kinderwunschzentren zwischen 2003 und 2007 einen Rückgang von 94 600 auf 59 200 Neugeborene. «Da sollte der Staat helfen, auch mit Steuermitteln», so der Facharzt. Immerhin: Das Land Sachsen fördert Kinderwillige seit einem Jahr aus dem Landesetat, Nordrhein-Westfalen und Hessen denken darüber nach.

Problem Eizellspende

Und noch etwas ärgert Hahn: Das Verbot der Eizellspende in Deutschland. Dabei werden die Eierstöcke einer Spenderin medikamentös stimuliert, um mehrere Eizellen reifen zu lassen. Anschließend werden sie unter Narkose punktiert, mit Sperma befruchtet und der Empfängerin verabreicht. «Das ist doch nur eine Sonderform der Adoption», so der Wiesbadener Mediziner. «Wir müssen verzweifelte Eltern oft ins Ausland schicken.» Ganz anders sieht das Dirk Lanzerat vom Bonner Deutschen Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften: «Ich bin gegen ausufernde Zielsetzungen in der Medizin.» Wenn man Eizellspenden jetzt zulasse, mache man die Medizin zum Instrument bestimmter gesellschaftlicher Erfordernisse.

Darüber hinaus ist noch etwas anderes verboten: Das Sperma zur Befruchtung darf nicht von einem toten Mann stammen. Ausnahme: Der Samen war schon vor dem Tod in die Eizelle injiziert worden. Jüngst verurteilte das Oberlandesgericht Rostock eine Klinik dazu, einer Witwe neun konservierte Eizellen herauszugeben.

Quelle: http://www.fnp.de/

delicious | digg | reddit | facebook | technorati | stumbleupon | savetheurl