München – Immer mehr Münchner lassen nachhelfen, wenn es auf natürlichem Weg nicht mit dem Baby klappt. Experten schätzen, dass die künstlichen Befruchtungen in zehn Jahren um bis zu 40 Prozent zugenommen haben

Jedes Mal wenn Silke F. (Name geändert) an einem Spielplatz vorbeigeht, spürt sie diesen Stich in der Magengrube. Mutter sein, das ist Silke F. s großer Traum. Dass sie und ihr Mann Ingo einmal Kinder wollen, war schon immer klar. Als die 38-Jährige vor fünf Jahren die Pille absetzte, war sie sicher, bald schwanger zu werden. Doch drei Jahre später hatte sich noch immer nichts getan. Neue Hoffnung keimte erst, als Silke F. vom „Kinderwunsch Centrum München“ hörte. „Eine Freundin hatte sich dort behandeln lassen und hat jetzt einen Sohn“, sagt sie.

Obwohl ihr Mann anfangs skeptisch war, überredete ihn Silke F. dazu, eine künstliche Befruchtung zu versuchen. Beide wurden gründlich untersucht, Silke F. begann, Hormone einzunehmen. Starke Stimmungsschwankungen waren die Begleiterscheinung. „Manchmal war es, als würde ich in einen Abgrund schauen – ein ständiger Zustand zwischen Zweifeln und Hoffen“.

Immer mehr Münchner kennen das. Denn immer mehr wählen diesen Weg, um vielleicht doch noch Eltern zu werden. Professor Wolfgang Würfel vom „Kinderwunsch Centrum München“ schätzt, dass die Zahl der Behandlungen in der bayerischen Landeshauptstadt in den vergangenen zehn Jahren um bis zu 30 Prozent zugenommen hat. „Herr Ude schwärmt immer vom Babyboom in München, dass aber etwa 15 Prozent davon auf Behandlungen von Fruchtbarkeitsstörungen zurückgeht, erwähnt er nie“, sagt Würfel.

Sechs Zentren für künstliche Befruchtung gibt es mittlerweile. „Die Vorbehalte gegen dieses Thema haben deutlich abgenommen“, meint Würfel. „Früher war es bei Männern ein Riesentheater, wenn man ihre Spermien untersuchen wollte – heute ist das Standard.“ Die Frage nach der Ethik stelle sich kaum noch. Im Vordergrund stünden eher die Fragen: Was ist möglich? Wie groß sind meine Chancen?

Auch die Kosten für die Behandlung – bis zu 4000 Euro für eine ICSI (siehe unten) – scheuen gerade die Münchner nicht. Als mit Einführung der Gesundheitsreform im Jahr 2004 die gesetzlichen Krankenkassen nur noch einen Teil der Kosten übernahmen, seien die Behandlungszahlen überall wesentlich stärker eingebrochen als in München.

Dr. Jörg Puchta vom „Hormon Zentrum München“ schätzt, dass die Zahl der Kinderwunsch-Behandlungen im vergangenen Jahrzehnt sogar um 40 Prozent gestiegen ist. Rund 10 000 Paare lassen sich jährlich im „Hormonzentrum“ helfen. „Eine medizinische Aussichtslosigkeit tritt so gut wie nie auf“, sagt Puchta. „Es gibt keinen Bereich der Medizin, der so erfolgreich ist.“ Bei 90 Prozent aller Paare, die bei ihnen dauerhaft in Behandlung blieben, sei die Frau innerhalb eines Jahres schwanger – notfalls mit Hilfe einer Eizellen-Spende im Ausland. In Deutschland ist sie bisher verboten.

Das Alter ist der größte Feind der Reproduktionsmediziner. Zwischen 36 und 38 Jahre sind die Frauen im Schnitt alt, die von Puchta und seinen Münchner Kollegen behandelt werden. Mit zunehmendem Alter sinken aber die Erfolgschancen. „Das ist unser Schreckens-Szenario, dass wir in zehn Jahren für jede dritte Frau, die zu uns kommt, aus Altersgründen nichts mehr tun können und nur noch eine Eizellen-Spende helfen kann“, so Puchta.

Bei Silke F. und ihrem Mann klappte es beim zweiten Anlauf mit Hilfe einer ICSI-Behandlung (siehe unten). Ihre Tochter ist mittlerweile sechs Monate alt. „Ihr Lächeln“, sagt Silke F., „war die Gefühlsachterbahn mit Verzweiflung und immer wieder Hoffen auf alle Fälle wert“.

Doris Richter

Gesetzliche Krankenkassen zahlen maximal 50 Prozent

Die Kosten für eine künstliche Befruchtung übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen im Normalfall zu 50 Prozent bei Frauen zwischen 25 und 40 Jahren, wenn sie aus ärztlicher Sicht begründet ist. Männer dürfen nicht älter als 50 Jahre alt sein. Das Elternpaar muss zudem verheiratet sein, und es dürfen ausschließlich Ei- und Samenzellen der Eheleute verwendet werden.

Eine normale Samenübertragung (Insemination) wird von den Kassen im Normalfall bis zu acht Mal gewährt. Dabei werden potenziell fruchtbare Spermien vom Vater gewonnen und anschließend gezielt in die Gebärmutter eingebracht. Bis zu dreimal gibt es Zuschüsse für eine In-vitro-Fertilisation (IVF), bei der die Eizelle im Reagenzglas befruchtet und später in die Gebärmutter eingesetzt wird. Ebenso verhält es sich bei der Intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI), bei der eine männliche Samenzelle direkt mit einer feinen Nadel in die Eizelle befördert wird, um diese zu befruchten.

Nach Geburt eines Kindes besteht erneut ein Anspruch auf Leistungen zur künstlichen Befruchtung.

Die Eizellenspende ist anders als die Samenspende in Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wie Spanien, Belgien oder der Tschechischen Republik, nicht erlaubt.

Quelle: http://www.merkur-online.de/

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