Seit Louise Brown hat sich die Reproduktionsmedizin fortentwickelt – und wirft damit neue kritische ethische Fragen auf.

Für Louise Brown waren es gestern “fantastische Neuigkeiten”, dass der Mann, dem sie im Prinzip ihr Leben verdankt, nun dafür mit dem Medizinnobelpreis belohnt wird. Die 32-Jährige, die einst als erstes Kind im Reagenzglas gezeugt wurde, ist inzwischen selbst Mutter eines Sohnes, hat unter anderem als Kindergärtnerin und Postangestellte gearbeitet und lebt in einem Vorort von Bristol in Großbritannien ein ganz normales Leben: Inzwischen fühle sie sich als “nichts Besonderes mehr”, sagt sie – zu recht.

Rund 10 000 Kinder kommen jedes Jahr dank der von Robert Geoffrey Edwards und Patrick Steptoe entwickelten künstlichen Befruchtung in Deutschland zur Welt. Weltweit werden rund sieben Milliarden Euro jährlich in der Reproduktionsbranche umgesetzt. Auch deshalb, weil die Nachfolger der beiden Pioniere deren Technik konsequent weiterentwickelt haben. Seit 1992 können die Ärzte mit Hilfe der intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) auch Männern mit Zeugungsschwierigkeiten helfen, indem sie deren wenige Spermien per Nadel direkt im Reagenzglas in die Eizelle injizieren. Bereits acht Jahre zuvor machte es die Medizin möglich, dass mit Hilfe einer Eizellspende auch Frauen, die keine funktionsfähigen Eizellen mehr haben, ein Baby bekommen können. Einer fremden, meist gut dafür entlohnten Eizellspenderin werden nach kräftigen Hormongaben Eizellen entnommen und im Reagenzglas mit dem Samenzellen des Mannes vermischt – ein Verfahren, welches in Deutschland allerdings verboten ist. Theoretisch sind deshalb heutzutage schon Kinder mit fünf Elternteilen möglich – ein Samenspender und eine Eizellspenderin, eine Leihmutter, die den Embryo austrägt, und die beiden Adoptiveltern, die das geborene Kind schließlich aufziehen. Praktisch musste die Welt sogar eine 67 Jahre alte Mutter erleben, die die Geburt ihrer beiden Söhne nur um zwei Jahre überlebte. Und eine alleinstehende, sechsfache Mutter, die per künstlicher Befruchtung die Familie auf einen Schlag um acht Kinder erweiterte. Technisch möglich ist auch die sogenannte Präimplantationsdiagnostik, bei der die Ärzte unter mehreren Embryonen im Labor zunächst das gesündeste oder vielversprechendste Kind aussuchen, bevor sie es einpflanzen.

Hinter der Tür, die einst Robert Edwards und Patrick Steptoe mehr aufbrachen als öffneten, haben sich der Medizin viele Möglichkeiten und Wege geöffnet, bei denen mancher auch große Risiken birgt. Bei dem einst von den beiden Briten entwickelten Verfahren, der In-Vitro-Fertilisation, kurz IVF, muss man sich solche Sorgen heute nicht mehr machen. “Jede zehnte junge Frau ist nicht in der Lage Kinder zu bekommen”, sagt Hans-Peter Zahradnik, der Ärztliche Direktor der Klinik für Endokrinologie und Reproduktionsmedizin der Uniklinik Freiburg, “Edwards und Steptoe haben ihnen eine zweite Chance gegeben.” Der Nobelpreis sei überfällig gewesen.

Quelle: http://www.badische-zeitung.de/

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