Es ist eine Situation, über die man erst nachdenkt, wenn man drinsteckt: Dann, wenn einem der Gynäkologe mit professionellem Bedauern mitteilt, dass es auf natürlichem Wegmit dem Baby nicht klappen wird. Und dass andere Optionen nicht erlaubt sind, zumindest nicht in Österreich. Erst in diesem Moment bekommt das Wort „Eizellspende“ eine reale Bedeutung.
Zirka 500 Frauen (und ihre Partner) bräuchten Schätzungen zufolge eine Eizelle von einer anderen Frau, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Das Gesetz versperrt diesen Weg – zu Recht, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte jüngst festgestellt hat. Wenn man das Urteil genau liest, sagt es jedoch nur, dass das Verbot in den 1990ern – damals kam der Fall vor Gericht – rechtmäßig war. Ausdrücklich weist der EuGH darauf hin, dass sich der europäische Trend seither in eine andere Richtung entwickelt hat.
Das ist aber nicht der einzige Grund, warum man das Thema nicht hurtig vom Tisch wischen sollte. Die Eizellspende steht nämlich pars pro toto für einen notorisch ideenlosen Umgang der Politik mit der Fortpflanzungsmedizin. Eine Politik, die regelmäßig Entscheidungen an Höchstgerichte auslagert. Der lästige Staatsbürger, so scheint das Motto zu lauten, soll sich durch die Instanzen quälen. Erst danach, und nur wenn es wirklich nicht anders geht, wird debattiert.
Dabei ist die aktuelle Gesetzeslage so widersprüchlich, dass es auch ohne Urteile Stoff für Diskussion gibt. Um bei der Eizellspende zu bleiben: Ist es denn logisch, dass Samenspenden (mit Einschränkung) erlaubt sind, Eizellspenden aber nicht, nur weil Samen einfacher zu spenden sind? Und wäre eine Aufspaltung der Mutterrolle in eine genetische und eine gebärende wirklich so schlimm – oder etwa so neu? Eine Adoption spaltet die Rollen ebenso und auch beim Split der Vaterrolle im Fall von Samenspenden sieht man kein Problem. Tatsächlich haben Mütter, die ihr Kind einer Eizellspende zu verdanken haben, durch die Geburt wohl vielleicht sogar eine engere Bindung zu ihm als ein Vater zu einem Kind, das aus einer Samenspende stammt. Überhaupt wird man mit Blick auf das Wohl des Babys sagen müssen: Mehr gewünscht kann ein Kind kaum sein. Immerhin nehmen seine Eltern physisch und psychisch viel in Kauf.
Und auch finanziell. Die Fortpflanzungsmedizin ist ein Geschäft, das merkt man vor allem jenseits der Grenze. In Tschechien und Spanien floriert der sogenannte Befruchtungstourismus. Statt ein rechtliches Modell zu schaffen, das nicht dazu führt, dass Frauen unter wirtschaftlichem Druck ihren Körper ausbeuten, exportiert Österreich sein Problem lieber. Das erspart ethische Unbequemlichkeiten und auch Geld. Denn Befruchtung im Ausland zahlt man natürlich privat, das heißt: Wer es sich eben leisten kann.
Freilich, um Geld geht es bei der staatlichen Trägheit nur am Rande. Der Hauptgrund liegt eher im Menschlich-Diffusen – in der Angst. Denn die Fortpflanzungsmedizin führt uns plakativ vor Augen, dass wir immer mehr Entscheidungen, die uns früher die Natur abnahm, inzwischen selbst treffen könnten. Weshalb manche alles, was Potenzial zum Missbrauch hat, verbieten wollen. Da Missbrauch fast überall möglich ist, kommt man so aber nicht weiter. (Nebenbei gesagt ist diese Haltung nicht ganz unzynisch, weil sie Betroffene unter Generalverdacht stellt). Darüber hinaus hat das Wegschauen für Politiker aber auch konkrete Vorteile. Sie können elegant heiklen, gesellschaftspolitischen Fragen, die hinter den medizinischen stecken, ausweichen. Wie etwa der: Dürfen Eizellspenden ein Weg sein, viel später im Leben einen Kinderwunsch zu realisieren, den man nur wegen der Karriere nach hinten verschoben hat?
Darauf müsste eine kluge Politik Antworten haben. Mehr medizinisches Wissen würde auch nicht schaden. Medizinisch-ethische Probleme werden nämlich auch künftig durch Ignoranz nicht einfach verschwinden. Anders gesagt: Es braucht weniger Bauchgefühl, mehr Kopfarbeit in dieser Sache. Denn nur wenn man weiß, wovor man sich fürchtet, besteht die Chance, echte Risken in den Griff zu bekommen.